Let it go

Ja, ich hätte sie gerne, die ultimativen Tipps für das Loslassen. Für das freie beschwingte Leben ohne Sorgen, ohne Grübeleien, ohne Streitigkeiten und ohne Schwere.
Vielleicht hörst du auch des Öfteren den klugen Ratschlag: „Du musst einfach loslassen.“, „Zieh dich nicht so sehr daran auf.“. Aber wie? Jahrelang versuche ich der Sache auf den Grund zu gehen, meditiere, treibe Sport, praktiziere Yoga, lese Fachbücher zu diesen Thema. Aber deswegen vergesse ich nicht, dass beispielsweise ein guter Freund etwas total Dämliches zu mir gesagt hat.

Ja, ich würde auch lieber wie Prinzessin Elsa aus dem Disneyfilm „Die Eiskönigin – völlig unverfroren“ laut vor mich her singen, dass ich nur loslassen muss und dann wäre alles gut. Aber es ist irgendwie nicht so einfach. Schon das Wort loslassen klingt immer so easy, aber das ist es nicht, es ist echte tägliche Arbeit. Es hat nämlich überhaupt nichts damit zu tun, Dinge zu vergessen, zu verdrängen oder auszublenden, sondern vielmehr mit wahrem Tiefgang und Selbstreflexion und vor allem Zeit. Es hat auch mit der Kenntnis der eigenen Geschichte, der eigenen Werte und der eigenen Gefühle zu tun. Ich kenne meine Befindlichkeiten und ich weiß inzwischen sofort, welche Worte beispielsweise bestimmte Reaktionen bei mir auslösen. Es erfordert also eine Menge Selbstbewusstein, also einem sich selbst bewusst sein, wer man ist.
Wer mir erzählt, dass ich nur jeden Tag oft genug: „Ich lasse los.“ zu mir selbst sagen soll, dem kann ich das leider nicht ganz abnehmen.

Loslassen bedeutet Arbeit

Ich befürchte, dass wir es uns zu einfach machen, wenn wir uns immer wieder sagen, dass wir nur loslassen müssen, damit alles gut wird. Denn insgeheim wissen wir doch, dass wir es eh nie schaffen werden. Oder hat dir schonmal jemand gezeigt, wie es geht oder vorgemacht? Nein, die schönen Bilder auf Insagram sind kein gutes Beispiel dafür. Wir wissen aber vielleicht auch, dass es eine Menge Arbeit bedeutet, um dort hinzukommen, richtig? Und deswegen ist es vielleicht ganz gut, dass wir insgeheim wissen, dass wir es nicht schaffen werden. Aber mal ganz ehrlich, möchtest du wirklich alles loslassen? Macht nicht gerade der Druck des Loslassens es noch viel schwerer?

Ein Moment des Loslassens

Auf meiner Balkanrundreise im Juli, hatte ich nach gut zwei Wochen Urlaub, das erste Mal, vielleicht für zehn Sekunden, das Gefühl loszulassen. Ich habe gerade über die Bucht von Kotor in Montenegro geschaut und weißt du was ich da gefühlt habe? Ich wollte diesen Moment festhalten. Ja, genau: FESTHALTEN nicht loslassen. Ich war einfach nur dankbar, dass ich hier sein durfte und diesen Anblick genießen konnte.

Also was machen wir uns vor?
Setzt du dich nicht selbst viel zu sehr unter Druck? Geben dir nicht vielleicht genau die Momente, die du festhalten möchtest viel mehr Kraft? Was wärst du ohne deine Vergangenheit? Was wärst du ohne deine Sorgen? Was wärst du ohne die Dinge, die nicht so gut gelaufen sind?
Ich für meinen Teil, würde mich nicht so gut kennen, ich wäre vielleicht auch nicht so stolz auf mich und deswegen halte ich lieber fest, weil ich weiß, dass ich nur dann wachsen kann, nur dann Demut besitze und nur dann wertschätzen kann und nur dann mir selbst am nächsten bin.

In diesem Moment in Montenegro wusste ich, dass loslassen zwar toll klingt, aber ich lieber festhalten möchte und es Zeit war das Loslassen gehen zu lassen.

Was möchtest du am liebsten festhalten? Ich freue mich auf deine Antwort.